Drohung

SHADOW CITIZENS

Wer sind die schönsten und die sinnlichsten, die hellsichtigsten und die frechsten, die witzigsten und die gewitztesten Menschen?

Natürlich die Armen, die Ausgebeuteten, die Abgeschobenen, die Arbeitslosen.

Jeder Film, den Želimir Žilnik macht, beweist es wieder von Neuem und aus einer anderen Perspektive.

Das Kino ist eine eminent effektive Maschine zur Produktion von Sinnlichkeit. Obwohl (oder gerade weil?) wir die Leute da oben weder riechen noch schmecken noch anfassen können, vermag das Lichtspiel unser Begehren auf genau dieses Stück Haut, jene behaarte Brust und nur das Wimpernklimpern hier zu fixieren. Das ist der Mechanismus der Produktion von Stars durch die Kulturindustrie: Kamera, Licht und Schnitt laden das Bild eines Körpers mit fiktiver sexueller Energie auf und die Zuschauer*innen verwechseln die Schauspielenden mit den Kunstfiguren, zu deren Erschaffung sie ein oft nur beliebiges Beiwerk waren und stalken Gespenster, die nie existiert haben, jahrzehntelang durch alle Medien.

Želimir Žilniks materialistische Filmkunst ist die Antithese dazu. Sein fröhlicher Umgang mit seinen Protagonist*innen, seine entspannte und gelassene Neugier auf die ganzen Menschen, läßt oft ihre Lebenslust, ihre Körperlust, ihr Begehren in den Film hineinwachsen als einen widerspenstigen Eigensinn, der den ungerechten Verhältnissen selbstverständlich und manchmal ganz unbewußt die Stirne bietet. Nie läßt er die Verarschten und Entrechteten als Beweismaterial für seine eigene Weltanschauung auftreten. Immer sind sie in erster Linien Advokat*innen ihres eigenen Begehrens, ihrer Lebenspläne, und eben: Ihrer Muskeln, Hintern, Füße, Münder, Zähne. Ihrer Lust am Essen, Lieben, Spielen, Planen, Tun.

Das lädt seine Filme mit eminenter Sinnlichkeit und anarchischem Witz auf, der aber das Begehren der Zuschauer*innen eben nicht auf die Person auf der Leinwand, sondern auf die realen Menschen in unserem eigenen Leben zurücklenkt. Das gerissene, von Želimir Žilnik über drei Filme hinweg mitverfolgte Bemühen des jungen Roms Kenedi Hasani, die Gräben um die Festung Europa zu überwinden, ebenso wie die auf den Betten hüpfenden Arbeitslosen oder die Beharrlichkeit des Hobbydichters Bora Joksimović wirken als Subversivitätsgenerator im Leben der Zuschauer*innen. Während kapitalistische Filmproduktion als säkularisierte Form der religiösen Jenseitsvertröstungen -gerade auch dann, wenn sie vorgeblich antikapitalistische Held*innengeschichten erzählt- immer insinuiert, dass das wahrhaft gute, spannende, aufregende Leben woanders stattfindet,

Den Kapitalismus muss Žilnik nicht explizit anprangern, der stellt sich ja seinen Protagonist*innen automatisch in den Weg und sie finden die Umwege. Der macht ihre Pläne zunichte und sie schmieden neue oder sie gehen halt weg und versuchen es woanders.

So leicht und ungezwungen sich die Geschichten auch in den eher dokumentarischen Arbeiten entwickeln: Das geschieht nicht von selbst. Želimir Žilnik beobachtet nicht einfach. Es sind seine gewitzten Anordnungen, die dafür sorgen, dass die Geschichten der Filme sich scheinbar von selbst entwickeln. Er lädt Obdachlose für den „Black Film“ in seine Wohnung ein und damit wird die Frage, wo sie unterkommen können, wer sich um sie kümmert und warum es im Sozialismus überhaupt Obdachlose gibt, ein ganz konkretes Problem für die Familie Žilnik, die die Leute ja irgendwann wieder loswerden muss.

Er läßt in „Ustanak u Jasku-Aufstand in Jasak“ Dorfbewohner*innen von den Ereignissen des Partisanenkampfes in ihrem Dorf erzählen. Was an jener Brücke passiert ist und womit man die Kämpfer*innen verpflegt hat. Die leidenschaftlichen Schilderungen der Dorfbewohner in ihrem verwegenen Dialekt enttarnen das geschichtspolitische Botox mit dem z.B. Richard Burton den Tito spielt in den gleichzeitig entstehenden millionenschweren Partisanenfilmen aus internationaler Koproduktion.

Das Beziehungsdrama zwischen dem internationalen Kommunismus und seiner Festung Moskau und dem tiefer als in irgend einem anderen sozialistischen Land aus der rebellischen Bevölkerung geborenen Jugosozialismus wird in 90 Minuten in seiner ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit fassbar, wenn Žilnik mit Dragica Vrtolović Srzentić, einer Veteranin des Partisanenkampfes und ehemaligen diplomatischen Jugo-Chefunterhändlerin ins rekapitalisierte Moskau reist. (Jedna žena, jedan vek- Eine Frau, ein Jahrhundert)

Während die nationalistischen Reaktionäre, finanziert und unterstützt von den Wächterstaaten des neoliberalen Kapitalismus, das multiethnische Jugoslawien der Arbeiterselbstverwaltung in blutige Selbstzerfleischung stürzen, filmt Žilnik einen Schauspieler, der als Tito durch Belgrad läuft und als Katalysator die Hoffnungen und die Enttäuschungen der Menschen, die ihm auf der Straße begegnen, heraussprudeln läßt. (Tito drugi put među Srbima- Tito zum zweiten Mal unter den Serben)

All diese und noch viel mehr sind zu entdecken in der vieldimensionalen Schau SHAWDOW CITIZENS in der Kunsthalle.

Tina Leisch
office@tinaleisch.at